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Texte Kritik des Expertensystems 'Kritik' Der Begriff 'Expertensystem' entstammt der Computerwissenschaft und bezeichnet ein hochkomplexes Programm, das auf ganz spezifische professionelle Anwenderbedürfnisse hin konzipiert wurde. Die Übertragung dieses Begriffs in den Bereich des Betriebssystem Kunst ergibt sich aus dieser Bestimmung. Was das Expertensystem 'Kritik' von der gewohnten Bestimmung unterscheidet, ist dessen Hintergrund in der natürlichen Sprache1, wogegen Expertensysteme sich aus formalen Sprachen herleiten. Aber ebenso wie das Expertensystem in ursprünglicher Bedeutung von Experten für Experten hergestellt wird, so ist auch das Expertensystem 'Kritik' ein System von Experten für Experten2 . Kennzeichnend ist dessen direkte Verknüpfung mit der Entwicklung des Betriebssystems Kunst3 als ausdifferenziertes Subsystem der spätkapitalistischen Gesellschaft. In eben dem Masse, in dem sich das Betriebssystem als mehr oder minder autonom konstituierte, entwickelten sich die Kompetenz und Performanz4 im Expertensystem 'Kritik'5 . Ein spezifisches Vokabular6 , eigenständige Diskurs-7 und Sprachmodi8 und definierte Funktionsweisen9 sind kennzeichnende Elemente dieses Systems. Eine Kritik des Expertensystems 'Kritik'10 muss von diesen Elementen ausgehen. Dabei sind zwei Wege beschreitbar. Der simplere besteht darin, diese Elemente direkt zu thematisieren und zu kritisieren11. Der komplexere besteht darin, in der kunstkritischen Auseinandersetzung den Diskurs, den er trägt und von dem er getragen wird, direkt zu inkorporieren. Erst in dieser Verschränkung von Objekt- und Metaebene gelingt es der Kunstkritik, jenen Standard von Diskursivität zu erlangen, den die zeitgenössische Kunst erreicht hat. Sie würde damit der Kritik des Expertensystems 'Kritik' gerecht werden können. Dieser Text ist ein Beleg dafür12 . << 1 Dennoch schliesst dieser Hintergrund spezifische Formalismen nicht aus. Siehe Fußnoten 5 bis 9. << 2 Der Begriff des 'Experten' muss hier in weiterem Sinne verstanden werden. Der kompetente Ausstellungsbesucher gehört dazu ebenso wie der Feuilletonredakteur, der Kunsthistoriker ist im gleichen Sinne Experte wie der Künstler. Der Anspruch der Kritik, sich in der Kritik auch an Dilettanten zu wenden, ist blosser Anspruch, der nicht eingelöst wird. << 3 siehe dazu 'Betriebssystem Kunst - Eine Retrospektive' Kunstforum Bd. 129, Februar/März 1994 und der Ausstellungskatalog 'Kontext Kunst', Neue Galerie Graz 1994. << 4 Kompetenz bezieht sich auf den historisch gewachsenen Formenapparat, der ebenso Bestandteile anderer Wissenschaften beinhaltet wie der der eigenen 'Wissenschaft'. Performanz meint die tatsächliche Umsetzung dieser Kompetenz in der Vermittlung, wobei ein Teil der Kompetenz verloren geht. << 5 Die Kritik steht dazu im einem gegenseitig abhängigen Verhältnis. Das Betriebssystem Kunst bedingt einen spezifischen Diskurs, dieser Diskurs bedingt ein spezifisches Betriebssystem. << 6 siehe dazu 'Lexikon der Kunst' von Zobernig/Schmatz als ironische Paraphrase auf dieses spezifische Vokabular. << 7 Die Diskursmodi enthalten ebenso die unterschiedlichen Medien, in denen sich das Expertensystem 'Kritik' zeigt und zeigen kann. Ein bestimmtes Medium gibt ein spezifischen Diskurs vor, ein Diskurs konstituiert ein bestimmtes Medium. << 8 Die wesentliche Frage lautet hier: Wer spricht wo wozu ? Das Expertensystem 'Kritik' konstituiert sich aus verschiedenen Mikro-Soziolekten: Ein Kritiker, im eigentlichen Sinne des Wortes, spricht anders als der Sammler. Ein Künstler anders als ... << 9 Die Funktionsweisen sind konkret ermittelbar. Kunstzeitschriften haben vergleichbare Funktionen, während die Diskurse von Art-Consultants zum Beispiel sich davon unterscheiden, obwohl diese selber wiederum Vergleichbarkeiten in der Funktion zulassen. Wer ist Kritiker und wer ist es nicht? << 10 Diese Kritik sollte auch in dem Sinne verstanden werden, daß sich das Expertensystem selber kritisiert: genitivus subiectivus und obiectivus. << 11 Wenn sich ein Diskurs selber kritisiert, sind die Bedingungen seiner Mîglichkeiten in Frage oder zur Disposition gestellt. Welche Faktoren haben dazu geführt? Die Autonomisierung des Betriebssystems Kunst und des damit einhergehenden Expertensystems, die Diskursfähigkeit zeitgenössischer Künstler oder die zunehmend geringer werdende Bedeutung zeitgenössischer Kunstpraxis? (Die Diskursfähigkeit zeitgenössischer Künstler vorzustellen, war ein bestimmender Teil des Magazinprojekts 'below papers' (Berlin 1994/95) von Dellebrügge/De Mool und Thomas Wulffen). << 12 Zwei Beispiele des Autors seien hier angeführt: Der Text 'Gegeben sind: 1. die Repräsentation 2. das Bild' und die Arbeit 'Reziprok' im Rahmen der Ausstellung '37 Räume'. Dort wurden in der Ausstellung selber die Kritik der Ausstellung gezeigt, anhand von drei verschiedenen Ausstellungskritiken im vergrößerten Layout dreier verschiedener Kunstmagazine (Forum International aus Antwerpen, Belgien, das Magazin hat sein Erscheinen eingestellt; Zyma aus Stuttgart; Texte zur Kunst, Köln). Die Siebdruck-Edition der Arbeit befindet sich in der Sammlung der neuen Galerie Graz. Daß die letzte Arbeit das Rollenverständnis des Kritikers in Frage stellt, ist ein wichtiger Nebenaspekt des 'Werkes'. |
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